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Dishcomfort by NOF4 Collective – Ein Rückblick auf ein gemeinsames Experiment

Mit der Ausstellung „Dishcomfort“ hat sich das Aargauer Kunsthaus auf ein Experiment eingelassen. Im Zentrum dieses partizipativen Vermittlungsprojekts stand die Einladung, das Programm des Kunsthauses selbst zu gestalten. Junge Menschen sollten bestimmen können, was für eine Form das Programm haben soll und welche Kunst sie im Museum sehen wollen. Sie erhielten die Möglichkeit, ein Thema zu wählen, Kunstschaffende und Werke auszuwählen, einen eigenen Kurationsprozess zu leben und die Verantwortung für die Ausstellung und ihre Vermittlung zu übernehmen.

Personen stehen in einem Museum vor an die Wand gelehnten und am Boden stehenden Bildern und diskutieren gemeinsam. Eine Person neigt sich einem der Bilder näher zu.
Einblick in den Aufbau der Ausstellung "Dishcomfort". © ullmann.photography

Auf einen Aufruf des Kunsthauses hin entstand als erster Schritt ein Kollektiv: NOF4 Collective, sechs Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 27 Jahren, die das Kunsthaus, seine Abläufe, aber vor allem auch sich selbst und die anderen Mitglieder über neun Monate hinweg intensiv kennenlernten. Anna, Ben, Jana, Jonas, Thapong und Vera haben im Verlauf des Jahres nicht nur dieses Kollektiv gegründet, sondern sind Freunde geworden. Begleitet wurden sie von uns; Livia Künzi als Projektleiterin und mir als Projektverantwortlichen. Wir moderierten, strukturierten, trieben an, schützten und liessen los.

© ullmann.photography

Ergebnisoffen

Der Prozess war von Anfang an offen gedacht: Welche und ob eine Ausstellung entstehen würde, wusste niemand. Genau das machte den Reiz aus. Schritt für Schritt tastete sich die Gruppe voran, diskutierte, verwarf, verhandelte und fand schliesslich ihr gemeinsames Thema: Essen. Ein Thema, das so alltäglich und universell ist, dass es persönliche Erinnerungen, politische Fragen und ästhetische Perspektiven mühelos miteinander verbindet. Die Auswahl der Werke folgte nicht kunsthistorischen Kriterien, sondern Resonanz. Was berührt uns? Welche Kunst thematisiert unsere Gedanken? Wo entsteht Reibung? Dass sechs Menschen mit so unterschiedlichen Hintergründen und Biografien zu einem gemeinsamen kuratorischen Blick fanden, war eine der stärksten Erfahrungen des Projekts.

Gleichzeitig wurden neue Formen der Zusammenarbeit im Museum sichtbar. NOF4 Collective entwickelte einen dokumentarisch-künstlerischen Film, verwandelte gebrauchte Tischtücher zu bestickten Vorhängen und gestaltete ein Saalblatt mit eigenem Wortlaut und Layout.

Personen sitzen auf Sofas und auf dem Boden um einen Salontisch auf einem grossen, gemusterten Teppich. Die Personen lesen in Büchern oder schreiben. Im Hintergrund sind gelbe, zugebundene Vorhänge sowie viele stehende und miteinander sprechende Personen zu sehen.
Besuchende der Vernissage im Comfort Room. © Maya Daniele

Ort der Begegnung

Herzstück und Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung wurde ein Raum im Kunsthaus: der sogenannte Comfort Room – ein Ort der Begegnung, und des Verweilens. Dieser Raum wurde zu einem Schlüssel des Erfolgs. Von Projektbeginn an hat das Kollektiv die Idee eines solchen Raumes als unabdingbar erklärt, weil ihrer Meinung nach in Museen solche Orte fehlen. Sie haben die Szenografie selbständig entwickelt, einen Partner für das Mobiliar gesucht und den Raum nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen eingerichtet. Der Comfort Room zeigte, dass Museen nicht nur Orte des Betrachtens, sondern auch des Zusammenseins sein können. Besucherinnen, Schulklassen, Mitarbeitende und das Kollektiv nutzten ihn intensiv; es wurde gelesen, gezeichnet, gestrickt und Musik gemacht. Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden, die im Comfort Room die Umfrage zur Ausstellung und zum Projekt ausgefüllt haben, gaben an, sich einen solchen Raum für jede Ausstellung zu wünschen.

Personen stehen um einen Tisch und betrachten das Tischtuch sowie die gehäkelten Untersetzer darauf.
Einblick in die Ausstellung Dishcomfort. © ullmann.photography

Herausforderung junges Publikum

Natürlich war nicht alles einfach. Die knappe Zeit, die drängenden Deadlines, die komplexe Koordination über verschiedene Abteilungen hinweg und die knapp kalkulierten Ressourcen für die Projektleitung führten zu vollgepackten Arbeitswochen und Unsicherheiten. Auch die Ausschreibung bzw. Einladung erreichte nur bedingt Menschen, die sonst keinen Zugang zum Kunsthaus haben. Um die nicht-Besucher/innen zu erreichen, hätte es eine gezieltere Kampagne gebraucht.

Und obwohl sowohl Ausstellung wie auch das Rahmenprogramm eine grosse Durchmischung erzeugten, wurde das Ziel, das Publikum insgesamt zu verjüngen, nur teilweise erfüllt. Dabei klafften Anspruch des Kunsthauses und derjenige des Kollektivs auseinander. Wir nahmen an, dass, junge Kollektivmitglieder automatisch Multiplikator/innen für ihre Peers sind. Dieses interne Ziel haben wir dem Kollektiv gegenüber nie klar kommuniziert. Beim gemeinsamen, das Projekt abschliessenden World Café waren die Mitglieder entsprechend erstaunt über diese Agenda. Ihr Ziel, das Kunsthaus zu verändern, hat sich ihrer Meinung nach verwirklicht: Sie wollten eine inklusive Ausstellung machen. Eine, die für alle ist.

Ebenso zeigte sich, wie anspruchsvoll es ist, Anspruch und Realität auszubalancieren: Das Kollektiv wollte pendente Dinge wie zum Beispiel den Namen für die Gruppe, den Text für das Jahresprogramm und das Porträt für die Medienmitteilung entscheiden, aber an den über 40, wöchentlich stattfindenden Arbeitssitzungen waren insgesamt nur dreimal alle Kollektivmitglieder gleichzeitig anwesend. Die Gruppe lernte, Konsensentscheide mitzutragen und wir als Projektleitende agil zu reagieren und den Prozess voranzubringen.

Trotz dieser Herausforderungen war die Energie im Kollektiv enorm. Die Interviews, die die externe Evaluationsbeauftragte Tina Wodiunig von „kultureval“ führte, zeigen, wie stark der Prozess gewirkt hat: Die Jugendlichen sprachen von Basisdemokratie, von Vertrauen, von einem neuen Verständnis davon, wie Ausstellungen entstehen, und von der Erfahrung, dass ihre Stimmen zählen. Sie fühlten sich ernst genommen, begleitet und gleichzeitig frei. Für viele war der Moment des Aufbaus, als die Werke zum ersten Mal physisch im Raum hingen, ein Höhepunkt. Die Vernissage schliesslich wurde zu einem Fest – jung, laut, lebendig, offen.

Personen schauen in einem Museum zu zwei Personen, die mit weissen Handschuhen ein Gemälde vor einer Wand halten.
© ullmann.photography

Kunsthaus als lernende Institution

Für das Kunsthaus war das Projekt nicht weniger transformativ. Teams lernten eine neue Arbeitsweise kennen, reagierten agil auf die rollende Planung und konnten erfahren, was ein offener Prozess in der Umsetzung bedeutete und auch ein Scheitern immer mitgedacht werden musste. Es entstand ein Bewusstsein dafür, wie wichtig interne Struktur ist, damit Teilhabe nicht zufällig gelingt, sondern nachhaltig wirkt. Da Partizipation eine Querschnittsaufgabe ist, braucht es dafür die Einbettung in die Strategie, die Einbeziehung aller Bereiche, die Verankerung in die zukünftige Programmation, das Teilen von Verantwortung und das Bereitstellen von personellen und finanziellen Ressourcen. Gleichzeitig hat das Projekt gezeigt, dass das Haus als lernende Institution auftreten kann, wenn es Kontrolle teilt und junge Menschen wirklich einbindet. Innerhalb dieses Projekts entstand sogar Mitwirkung, die gar nicht beabsichtigt war. Die Mitglieder des Kollektivs luden junge Kunstschaffende, die sich in ihrer Arbeit mit dem Thema Essen beschäftigten, ein, Teil der Ausstellung zu werden. In mehreren Kennlerngesprächen entwickelte sich eine enge Beziehung zwischen dem Kollektiv und den Kunstschaffenden sowie den Kunstschaffenden untereinander. In der Folge gestalteten sie gemeinsam das Rahmenprogramm mit Pilz-, Tofu- und Pickle-Workshops, führten selbständig das Künstlergespräch und feierten zusammen die Finissage der Ausstellung. Die Offenheit des Kollektivs ermöglichte Einbindung und liess aktive Teilnahme am Geschehen zu, ohne dass dies von uns gesteuert worden wäre.

Essende Personen sitzen an einem langen, in den Raum laufenden, mit Blumen, Getränken und Essen vollgestellten Tisch. Eine Person giesst Fondukäse in einen Keramikbehälter.
Finissage der Ausstellung und Performance „Mi casa, su casa“ von Oz Oderbolz. © ullmann.photography

Am Ende bleibt die Frage: Haben wir unsere Ziele erreicht? Ja – in vielerlei Hinsicht. Dieses Mitbestimmungsprojekt stärkte Kompetenzen, schuf Begegnungen und eröffnete neue Wege für Vermittlung und Ausstellungen. Klar wurde gleichzeitig, dass ein einzelnes Projekt nicht reicht, um strukturelle Barrieren abzubauen oder die Publikumsstruktur dauerhaft zu verändern. Es ist ein Anfang, der Wirkung zeigt und Lust auf mehr macht.

Fun Factor

Denn eines ist unbestritten: Es hat Spass gemacht. Für das Kollektiv, für die Projektleitung, für mich als Projektverantwortliche, für viele im Haus. Es war intensiv, manchmal chaotisch, oft herausfordernd – aber immer sinnstiftend. Alle Beteiligten würden ein solches Projekt wieder starten, mit mehr Zeit, klareren Rollen und noch stärkeren Verbindungen zwischen den Abteilungen. Aber definitiv wieder.

Bleibendes Netzwerk

„Dishcomfort“ war kein perfektes Projekt. Aber es war ein echtes. Es hat Beziehungen geschaffen, wir sind eine Gemeinschaft geworden, haben uns kennengelernt: Jonas war als Zivildienstleistender zwei Monate bei uns. Thapong hat uns während der Ausstellung „Blumen für die Kunst“ an der Garderobe unterstützt. Ben hat sein zweiwöchiges Sozialpraktikum bei uns gemacht. Vera hat im Herbst das einjährige Praktikum in der Vermittlung angefangen. Anna und Jana bleiben ebenfalls weiterhin Kollektivmitglieder. Die jungen Menschen bleiben uns zugewandt, das haben wir geschafft. Genau darin liegt die Kraft der Teilhabe.


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Silja Burch

Silja Burch ist Kunsthistorikerin und leitet als Geschäftsleitungsmitglied den Bereich Vermittlung & Anlässe am Aargauer Kunsthaus. Der Aufgabenbereich umfasst die Vermittlung an die unterschiedlichen Anspruchsgruppen, die digitalen Vermittlungsprojekte und den "Katalog Online", die Massnahmen zur Barrierefreiheit sowie das Freiwilligenprogramm. Sie verantwortet die Ausstellung "Blumen für die Kunst" sowie teilhabeorientierte Programme und interdisziplinäre Kooperationen.

Webseite: https://aargauerkunsthaus.ch/de/