Zum Projekt:
Im Rahmen des Projekts „Sound Gate“ an der Berufsfachschule Baden tauchten Berufslernende an vier halben Tagen in neue klangliche Sphären ein und setzten sich mit Klang, Wahrnehmung, aktivem Zuhören und subjektivem Hören auseinander. Sie experimentierten mit Aufnahmegeräten und Mikrofonen und lernten Tools eines Audiobearbeitungsprogramms kennen, um selbst aufgenommene Sounds zu editieren und gestalterisch zu nutzen. Um dem Prozess eine Räumlichkeit zu geben, steht in der abschliessenden Ausstellung an der Berufsfachschule Baden das „Sound Gate“. Ein Tor, das der Präsentation der entstanden Tracks dient und metaphorisch für Veränderung und Wandel steht. Beim Hindurchgehen können Besuchende mit den Ohren der Lernenden hören, was sie umgibt und wie sie gehört werden möchten. „Sound Gate“ befähigte Jugendliche, sich selbst neu zu begegnen, Selbstwirksamkeit zu erfahren und sich auf neue Art Gehör zu verschaffen.
Nik: Ich glaube wir sind uns einig: Das war ein super Projekt! Aber ich gebe zu, dass ich nicht gedacht hätte, dass wir zum Schluss von allen einen Track haben werden, der über das eigenes dafür gebaute Sound Gate zu hören war.
Gerda: Noch immer! Das Sound Gate steht bis zu den Weihnachtsferien im Schulhaus Martinsberg!
Rahel: Mir geht es auch so. Ich bin erstaunt. Trotz sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen, von 0 bis 10, und grossen Unterschieden bei den Computern der Lernenden, haben wir von allen einen Track erhalten. Und die Tracks sind richtig gut!
Gerda: Und es war für die meisten Lernenden etwas ganz Neues. Genau darum geht es mir in unseren Kunst- und Kultur-Projekten an der Berufsschule Baden: Türen öffnen, Horizonte erweitern, die Komfortzone verlassen.
Nik: Sprichst du jetzt nur von den Lernenden?
Gerda: Nein! Es tut auch uns Lehrpersonen gut, ungewohnte und experimentelle Lernräume zu schaffen und so neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das Projekt hat allen viel Neues geboten, auch mir. Als ich vor einem Jahr mit der Planung begann, dachte ich vor allem an Musik. Dass in den Workshops das aktive Zu-Hören und die Wahrnehmung unserer akustischen Umgebung im Mittelpunkt stehen würden, habe ich damals nicht gedacht.



Nik: Umso wichtiger war es für mich, von Anfang an deine Motivation zu spüren. Das von dir gespürte Vertrauen hat Rahel und mir beim Entwickeln der Workshops geholfen. Wir wollten unbedingt, dass die Lernenden und ihre individuelle Lebenswelten im Mittelpunkt stehen. Das Erfahren von Selbstwirksamkeit war uns sehr wichtig. Wie wir das hinbekommen, war uns lange unklar.
Gerda: Das ist auch ein Ziel von Kunst & Kultur an der BBB, dass möglichst viele Klassen bei solchen Projekten mitmachen können und die Lernenden selbst kreativ werden. Und die Resultate zeigen, dass sie aktiv geworden sind. Es ist sehr schön und wichtig, dass so etwas neben dem normalen Schulbetrieb stattfinden kann.
Nik: Es war eine Herausforderung. Die Lernenden abzuholen, sie für etwas Neues, Fremdes zu sensibilisieren, und das in nur sehr wenigen Stunden pro Woche. Aber es gibt Möglichkeiten: Listening Sessions zum Beispiel. Diese Hörübungen, die wir zu Beginn von jedem Workshop mit den Lernenden gemacht haben, haben uns dabei geholfen, das Hören sofort ins Zentrum zu stellen und ungewohnte, teilweise auch unangenehme Klänge im Kollektiv zu hören.
Gerda: Das hat auch den Umgang mit den verschiedenen Gruppendynamiken vereinfacht – im Sinne eines Rituals. Das gleiche gilt für den Raum, der über die vier Projektwochen der gleiche war, aber anders eingerichtet werden konnte als ein normales Schulzimmer: die Tische am Rand, die Stühle im Halbkreis und das Licht gedimmt. Und das „Sound Gate“ als Eingangstor.

Rahel: Es wäre einfach schön gewesen, hätten wir noch mehr auf die einzelnen Klassen und deren verschiedene Gruppendynamiken eingehen können. Alles in allem bin ich aber positiv überrascht, wie wir die Lernenden aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern mit diesem nicht ganz einfach Stoff abholen konnten, und wie gut sie sich darauf eingelassen haben.
Gerda: Hier hat sicher auch geholfen, dass die Klassenlehrpersonen am Projekthalbtag jeweils dabei waren. Die Motivation der involvierten Lehrpersonen ist wichtig. Haben sie aktiv mitgemacht, wenn auch in einer anderen Funktion als gewohnt, waren die Lernenden ihrer Klasse aktiver und konzentrierter.
Rahel: Das habe ich auch so erlebt, wobei ich insbesondere die Arbeit mit jener Gruppe sehr spannend fand, die aus zwei verschiedenen Klassen bestand. Es war toll zu erleben, wie die Lernenden dadurch Einblicke in andere Lehrbetriebe und ihre dazugehörigen Sounds erhielten. Durch diesen Austausch erfährt man sehr private Dinge, etwa über einen Chef, der dauernd schreit, oder über das Gefühl von Einsamkeit am Arbeitsplatz. Daraus ergeben sich wichtige Gespräche. Vielleicht bietet gerade ein Kunst- und Kulturprojekt Möglichkeiten, die in einem anderen Rahmen nicht möglich wären.

Gerda: Das ist bestimmt so und hier gibt es auch noch viel Spielraum. Wenn man Gruppen für Kunst-Kultur-Projekte klassenübergreifend gestaltet, erhält man die Chance, eingespielte Dynamiken aufzubrechen, Rollen neu zu verteilen und so mehr Offenheit für Neues zu ermöglichen. Nur ist es mit den komplexen Stundenplänen und den begrenzten Zeitressourcen an einer Berufsfachschule nicht ganz einfach, solche klassenübergreifenden Settings zu realisieren.
Nik: Viermal ein Halbtag pro Gruppe war nicht viel Zeit für ein so komplexes Thema. Wir waren unsicher, was möglich ist und haben Ideen immer wieder über den Haufen geworfen. Vielleicht wollten wir tendenziell auch zu viel und haben die Ziele immer wieder herabgestuft.
Gerda: Ich glaube, weniger ist oft mehr. Gerade wenn so wenig Zeit zur Verfügung steht und dann noch unvorhergesehene Herausforderungen auftreten, ist es wichtig und sinnvoll, dass die Berufslernenden schnell ins eigene Experimentieren und Gestalten eintauchen können.
Nik: Am Schluss lagen wir in der Einschätzung der Möglichkeiten nicht schlecht. Ausser bei der Auswahl des Audioprogramms, das vielleicht zu komplex war.

Rahel: Ich schwanke hin und her. Einerseits hat dieses Audioprogramm einige überfordert, und vor allem ihre selbst mitgebrachten Computer. Andererseits sind dadurch sehr vielschichtige Tracks entstanden. Mit einem anderen Programm wäre das wahrscheinlich nicht möglich gewesen.
Nik: Stimmt. Hätten wir die Komplexität dieses Programms nicht zur Verfügung gestellt, hätten wir auch ein weniger spannendes Resultat. Das ist das Grossartige an solchen Projekten: Es gibt nicht einfach Richtig oder Falsch.
Rahel: Ein Traum von mir war es, dass einige Lernende abends nach Hause gehen und weitermachen würden. Dass sie Experimentieren, etwas tun ohne zu wissen, was dabei herauskommt, und sich dabei auf etwas Neues einlassen. Dieser Traum hat sich tatsächlich erfüllt.
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