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Vergangenheit schafft Identität

Die Impulsveranstaltung der Fachstelle Kulturvermittlung zum Thema „Geschichtsvermittlung“ brachte am 7. März 2026 im Kulturhaus Odeon in Brugg rund hundert Kulturverantwortliche an Aargauer Schulen zusammen. Das Auftaktreferat hielt Patrick Zehnder. Er schöpfte aus seinen Erfahrungen als Kantonsschullehrer und freischaffender Historiker.

Ein Mann und zwei Schüler stehen in einer Kirche und schauen nach oben. Im Hintergrund sieht man die farbigen Gasfenster der Kirche.
Vermittlungsangebot im Kloster Königsfelden © Museum Aargau

Ich gehe davon aus, dass Kultur in unserer globalisierten und fragmentierten Welt geeignet ist, Identität zu schaffen. Das gilt besonders für die Schule, wo gemeinsame Erlebnisse im Unterricht und ausserhalb der Schulräume die Klassengefüge festigen. Dabei entstehen soziale Bindungen und Wissensnetze, die eine Basis bilden für den weiteren Bildungsgang und das weitere Leben.

Das erinnert mich an ein Erlebnis mit einer Klasse der Wirtschaftsmittelschule zu Beginn des Jahrhunderts. Wir sassen in drei Reihen im Kurtheater Baden und sahen eine dramatisierte Aufführung von „Das Tagebuch der Anne Frank“ – unterstützt von Kultur macht Schule. In einem günstigen Moment drehte sich Stevan um und flüsterte freudestrahlend: „Dasch super, fast wie im Fernsehen, einfach mit richtigen Menschen.“ Für ihn und mich ein Primärerlebnis, wie es kulturelle Veranstaltungen zu leisten vermögen.

Natur und Kultur

Zur Kultur gehört unter anderem die Vergangenheit, die in der Schule in den Fächern „Räume, Zeiten, Gesellschaften“ oder Geschichte und Politische Bildung sichtbar und erfahrbar wird. Aber was ist eigentlich unter Kultur zu verstehen? Die römische Antike kannte das Begriffspaar von Natur und Kultur. Der Mensch der Antike begriff dies als Gegensatz. Natur oder eben lateinisch natura trägt die Bedeutung eines Tätigkeitsworts im Wortfeld „entstehen, abstammen, entstammen, geboren werden“. Natur bezeichnete also alles, was nicht von Menschen geschaffen ist. Nehmen wir als Beispiel die Linner Linde, wohlwissend, dass der mächtige Baum einst willentlich gepflanzt wurde und immer wieder von Baumdoktoren gepflegt werden muss.

Schwarz-Weiss-Fotografie einer hügeligen Landschaft mit Feld und Waldrand. Im Zentrum eine alte Linde. Darunter stehen und sitzen mehrere Personen.
Blick auf die Linde von Linn circa im Jahr 1911, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Hs_1360-1110-002 © Jäger, Fotograf

Der Begriff „Kultur“ dagegen hat eine vielleicht unerwartete Herkunft. Die cultura bezieht sich auf zwei Bereiche. Zum einen meint es, einen Acker zu bestellen, den Boden zu bearbeiten, einen Garten zu pflegen. Zum zweiten eine Stadt oder ein Dorf zu bewohnen. Man versteht unter Kultur also alles, was die Menschheit schafft. Vielleicht wäre der Parthenon-Tempel auf der Akropolis in Athen geeignet, dies zu illustrieren. Natürlich im Bewusstsein, dass die Antike davon ausging, bei Bauwerken hätten auch Göttinnen und Götter ihre Hand im Spiel.

Die Verbindung der beiden Bereiche von Ackerland und Wohnraum hängt mit dem religiösen Ritual bei der Gründung einer Stadt zusammen. Zu diesem Zweck führten die künftigen Eliten der Stadt ein Ochsengespann mit einem Pflug um das zu bebauende Areal. An der dabei entstehenden „ersten Furche“ hoben die Neusiedlerinnen und Neusiedler einen Graben aus, warfen einen Wall auf. Bewährte sich die Lage der Stadt, bauten sie an dieser Stelle mit der Zeit Mauern, Tore, Türme und Brücken. Ritual und Bautätigkeit trennten letztlich die kultivierte Sphäre vom wilden, oft gefährlichen Naturraum.

„Der Stosszahn des Mammuts gehört zu uns!“

Gerade im geografisch etwas komplizierten Naturraum des Aargaus erlaubt ein altes Modell eine grobe Orientierung. Die Form des Kantons entspricht im weiteren Sinn einer Hand, die von Norden über den Rhein greift. Der Handrücken bildet den Jura und unter der Handfläche fliesst das blaue Band der Aare. Der Daumen und die weiteren Finger entsprechend den Hügelzügen der Aargauer Südtäler. Auch diese Orientierung schafft Identität. Sie beantwortet die Fragen: Wo wohnen wir? Wo lernen wir? Wie sieht unsere Nachbarschaft aus?

Illustrierte Landkarte mit Flüssen und Hügelzügen und einer grossen Hand, die über der Karte schwebt und einen Schatten wirft.
Der Aargau ist ein Naturraum mit Flüssen, Bächen und Hügelzügen, der in seiner Form einer menschlichen Hand ähnelt. Illustration: Zeitgeschichte Aargau (1950-2000), Zürich 2021, S. 15 © Raphael Gschwind, Basel

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, wie 2021 in der „Sammlung Ortsmuseum“ in Birmenstorf die persönliche Zugehörigkeit wichtig wurde. Ich zeigte einer Mittelstufenklasse drei Backenzähne eines Mammuts, gefunden vor einem halben Jahrhundert in einer lokalen Kiesgrube. Die Kinder hätten gerne auch noch den mächtigen Stosszahn gesehen. Der befindet sich allerdings – bestens aufgehoben und geschützt – im Historischen Museum Baden. Anisha und Tharunika empörten sich: „Wieso ist er dort? Der gehört doch zu uns, in unser Dorf!“.

Eigenständige Geschichte

In dieser Anekdote zeigt sich, wie sich geografische Zugehörigkeit mit lokaler Identität verbindet. Der Aargau ist bekanntermassen kulturell und historisch betrachtet ein Kanton der Regionen. Unterschiedliche Prägungen und Ausrichtungen auf Zentren wirken oft identitätsstiftend, manchmal auch über die Kantonsgrenzen hinaus. Die Stärkung dieser regionalen Identität stärkt die Vorstellung der Schülerinnen und Schüler, an einem bestimmten Ort zuhause zu sein. Viele Aargauer Sagen verankern das Bewusstsein dazuzugehören. Etwas, was sich viele Kinder und Jugendliche wünschen. Die alten Geschichten und Legenden lassen sich mit Exkursionen und Schulreisen verbinden. Und die vielen Burgen, Schlösser und Ruinen bieten überdies visuelle Orientierung im Lebensalltag. So wie es im Jahreslauf Schulanlässe, Jugendfeste, Stadtfeste oder Dorf- und Kantonsjubiläen tun.

Illustration einer Landkarte mit Klöstern, Burgen, Kirchen und Schlössern. Darüber schwebt eine Hand, die einen Reichsapfel hält.
Die ereignisreiche Aargauer Geschichte spiegelt sich in ihren Klöstern, Burgen, Kirchen und Schlössern. Es sind Orientierungspunkte im Alltag. Illustration: Zeitgeschichte Aargau (1950-2000), Zürich 2021, S. 19 © Raphael Gschwind, Basel

Eine meiner Klassen hat mir noch etwas für die Impulsveranstaltung mitgegeben. Ich habe ihr nämlich berichtet, was hier meine Aufgabe ist. Viele der Schülerinnen und Schüler sind Anhänger des seit 1897 bestehenden Fussballclubs Baden. Das Gründungsjahr sei ihnen wichtig und manche im Fanblock bezögen sich mit Stolz auf den eigenständigen „Canton Baden“, wie er in der kurzlebigen Helvetischen Republik von 1798 bis 1803 bestand. Auf diese Weise schafft Vergangenheit Identität.


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Patrick Zehnder

Seit über 25 Jahren unterrichtet er an der Kantonsschule Baden die Fächer Geschichte und Politische Bildung, ebenso das Akzentfach Geistes- und Sozialwissenschaften. Als Fach- und Klassenlehrer nutzt er regelmässig das Angebot von Kultur macht Schule, ob für Besuche im Theater, Kino oder Museum. Neben seiner Lehrtätigkeit verfolgt er als freischaffender Historiker Projekte mit lokaler und regionaler Ausrichtung. So war er während zehn Jahren freier Mitarbeiter für Aargauer Themen des 19. und 20. Jahrhunderts am Historische Lexikon der Schweiz. Er war beteiligt an den Ortsgeschichten von Bergdietikon, Birmenstorf und Meisterschwanden. Als Co-Projektleiter und Autor arbeitete er am vierten Band der Aargauer Kantonsgeschichte "Zeitgeschichte Aargau" (1950-2000), auch an den Vermittlungsprojekten (Fotoausstellung, Kurzdokumentarfilme, Lehrmittel sowie Überblicksdarstellung der Aargauer Geschichte).

Webseite: https://www.zeitgeschichte-aargau.ch/